Gehmeditation: Achtsamkeit und der Geruch von frisch geschnittenem Gras

Durch Gehmeditation zur Achtsamkeit
© Franz J. Fahr

Gehmeditation auf dem Weg zur Achtsamkeit

„Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“ – lautet ein altes chinesisches Sprichwort. Und so beginnt auch der Weg der Achtsamkeit mit dem ersten Schritt. Oft ist es der Schritt des Lernens, bewusst zu gehen. „Ich kann doch schon gehen“, mag da mancher meinen, oder überhaupt: „Was soll Gehen schon mit Achtsamkeit zu tun haben?“. Doch Gehen in Achtsamkeit, „Gehen, ohne anzukommen“, ist eine Aufgabe, die bereits viele Leben grundlegend verändert haben mag und die einiges an Herausforderung in sich birgt. Thich Nhat Hanh schreibt zur Gehmeditation in seinem lesenswerten Buch „Zeiten der Achtsamkeit„:

Vor vielen Jahren richtete der Mensch sich auf und ging auf zwei Füßen – ein großer Schritt in der Evolution hin zum Menschsein. In der Entwicklungsgeschichte jedes einzelnen Menschen ist es nicht anders. Jeder neugeborene Mensch beginnt eines Tages, sich aufzurichten und auf seinen beiden Füßen zu gehen.

Leider verlernen wir im Laufe der Jahre die Achtsamkeit auf diese wunderbare menschliche Fähigkeit. Wir gewöhnen uns daran, achten nicht mehr darauf. Wir werden nicht mehr berauscht vom Geruch des frisch geschnittenen Grases, wir hören nicht mehr das Rascheln der Blätter bei einem Waldpaziergang. Die Füße sind eingezwängt in feste Schuhe, die uns nicht mehr die erfrischende Feuchtigkeit des morgendlichen Taus erspüren lassen.

Für die vielen Wege auf der Erde und die entspannende Wirkung des Gehens hat Thich Nhat Hanh uns wieder die Augen geöffnet:

Schritt für Schritt lernen wir unser Gehen zu genießen, und uns darin zu jeder Zeit zu verlieren. Ganz gleich, ob wir morgens in Eile die Straßenbahn erhaschen wollen, nach Büroschluss müde und abgekämpft den Weg nach Hause finden oder ob wir Sonntag nachmittag durch den Stadtpark bummeln – Achtsamkeit auf unser Gehen entspannt uns immer!

Dieses Wunder des Gehens wieder zu entdecken und es zu üben, dazu lädt die Gehmeditation ein.

Was ist Gehmeditation?

Zur Gehmeditation schreibt uns Thich Nhat Hanh in seinem vorgenannten Buch „Zeiten der Achtsamkeit„:

Gehmeditation ist eine Meditationsübung im Gehen. Sie kann dir Frieden bringen, während du übst. Bei der Gehmeditation sollten deine Schritte langsam, entspannt und ruhig sein, laß ein ‚Halb-Lächeln‘ auf deinem Gesicht sein.

Du solltest gehen wie jemand, der völlige Ruhe hat und gänzlich unbeschäftigt ist. Während du solche Schritte machst, laß alle Sorgen, alle Trauer von dir abfallen. Um voller Frieden zu sein, musst du fähig werden zu gehen.

Es ist überhaupt nicht so schwer, du kannst es. Jeder Mensch kann es, wenn er oder sie wirklich in Frieden sein möchte.

Gehen ohne anzukommen

Entschleunigung ist ein zentrales Thema einer immer größer werdenden Anhängerschaft. Auch dazu kann die Gehmeditation einen guten Ansatzpunkt liefern. Im Absatz „Gehen ohne anzukommen“ führt Thich Nhat Hanh dazu aus:

In unserem geschäftigem Leben fühlen wir uns oft gehetzt und unter Zeitdruck. Meist sind wir in Eile. Aber wo hetzen wir eigentlich immerzu hin! Das ist eine Frage, die wir uns nur sehr selten stellen.

Gehmeditation ist wie ein Spaziergang, wir haben dabei nicht die Absicht, einen bestimmten Ort innerhalb einer bestimmten Zeitspanne erreichen zu wollen.

Zweck der Gehmeditation ist die Gehmeditation. Entscheidend ist das Gehen, nicht das Ankommen, denn Gehmeditation ist kein Mittel, es ist das Ziel selbst.

Jeder Fußschritt ist Leben, jeder Fußschritt ist Frieden. Das ist der Grund, warum wir nicht zu eilen haben, darum verlangsamen wir unsere Schritte.

Geh, aber geh nicht. Geh, aber lass dich durch nichts antreiben, was immer es auch sei.

So wird, wenn wir gehen, wie von selbst ein ‚Halb-Lächeln‘ auf unserem Gesicht sein.

Einfach Gehen – ein Hörbuch von Thich Nhat Hanh

Entspannte Schritte

Nur wenn wir lernen und imstande sind, die Last des Alltags hinter uns zu lassen, meint Thich Nhat Hanh, dann sind wir auch imstande, richtig gehen zu lernen. Und dies führt uns wiederum Schritt für Schritt weiter auf dem Weg der Achtsamkeit. Einen Weg, wie wir dies erreichen können, zeigt er in nachstehendem Absatz auf:

Die Schritte unseres alltäglichen Lebens sind ganz schwer geworden durch Sorgen, Ärger und Ängste. Unser Leben ist so nur eine Aneinanderreihung von Monaten und Jahren voller Sorgen. Dadurch können unsere Schritte nicht entspannt sein.

Die Erde ist so schön mit ihren vielen wunderbaren Wegen: da sind schmale Pfade mit jungen Birken an jeder Seite, da gibt es Wege, wo du berauscht wirst vom Geruch des frisch geschnittenen Grases, du findest Pfade, die bedeckt sind mit Laub in den wunderschönsten Farben.

Aber nur selten sind wir uns dieser Wege bewusst, und oft wissen wir sie gar nicht zu schätzen. Das ist so, weil wir nicht entspannt sind und unser Gang kein entspannter Gang ist.

Gehmeditation ist eine Übung, durch die wir zu einem entspannten Gehen zurückfinden.

Im Alter von ungefähr anderthalb Jahren beginnen wir, unsere ersten noch schwankenden Schritte zu machen.

Wir werden jetzt, in der Übung der Gehmeditation, diese unsicheren, tastenden Schritte wieder machen.

Nach ein paar Wochen Praxis können wir dann sicher, natürlich und friedvoll gehen.

Ich habe dies niedergeschrieben, um dir zu helfen, mit dieser Übung zu beginnen. Ich wünsche dir Erfolg.

Lass die Sorgen von dir abfallen

Und er fährt fort:

Wenn ich die Augen eines Buddha hätte, würde ich in deinen Fußabdrücken die Spuren von Kummer und Sorgen klar erkennen, die du beim Gehen auf der Erdoberfläche hinterlässt, so wie ein Wissenschaftler unter dem Mikroskop, in einer dem Meer entnommenen Probe Wasser, das Leben der Mikroorganismen studieren und erkennen kann.

Geh so, dass du nur Frieden in deinem Fußabdruck hinterlässt. Das ist das Geheimnis der Gehmeditation. Wenn du auf diese Weise gehen willst, musst du wissen, wie du Kummer und Sorgen loslassen kannst.

Gehen im Reinen Land

°Hinterlasse keine Spuren auf deinem Weg durch das Leben°, lautet eine Chinesische Weisheit. Und auch Thich Nhat Hanh schlägt in diese Kerbe mit seiner Aussage, dass jede Last, die wir mit uns tragen, uns daran hindert, ins ‚Reine Land‘ einzugehen.

Wenn ich die Füße eines Buddha hätte, würde ich dich mitnehmen in Amitabha Buddhas ‚Reines Land‘ – oder in christlicher Terminologie -, ich würde dich mitnehmen in das ‚Reich Gottes‘.

Die Umgebung dort ist sehr schön und friedvoll.

Aber wie wirst du gehen, wenn du dort angekommen bist?

Bist du sicher, dass du nicht Spuren deines weltlichen Lebens, die Spuren von Kummer und Sorgen in deinen Fußabdrücken im ‚Reinen Land‘ zurücklässt?

Bringst du Kummer und Sorgen mit und prägst sie dort in den Boden ein, so wirst du das ‚Reine Land‘ verunreinigen.

Um fähig zu sein, in einer friedlichen Welt zu leben, musst du in der Lage sein, hier auf dieser Erde friedvoll zu gehen.

Diese Erde ist das Reine Land

Ich möchte dir gern etwas zuflüstern. Wenn du hier auf der Erde Schritte voller Frieden machen kannst, dann ist es nicht mehr nötig, das ‚Reine Land‘ des Buddha oder das ‚Reich Gottes‘ zu erreichen.

Sobald du frei und in Frieden bist, ist das Weltliche rein und das Reine weltlich, und es gibt keinen Ort mehr, zu dem du gelangen müsstest. Es ist dann nicht mehr nötig, die wunderbaren Füße des Buddha zu gebrauchen, selbst wenn du sie hättest.

Wer mit sich selbst im Reinen ist, der ist auch mit seinem Leben im Reinen. Und wer den Frieden in sich gefunden hat, der lebt in Frieden wo immer er auch sein mag. Es wird für ihn bedeutungslos, das ‚Reine Land‘ zu erreichen, denn wo immer im Hier und Jetzt er sich befinden mag, ist dieser Zustand durch ihn bereits verwirklicht. So lautet die tröstliche Botschaft des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh. Und um diesen Zustand zu erreichen, gilt es als Erstes das richtige Gehen (wieder) zu erlernen. Das ‚Richtige Gehen‘ wieder zu erlernen beinhaltet, den Ballast abzuwerfen und eine reine Spur des Friedens auf dem Weg zu hinterlassen.


Empfehlenswerte Literatur:

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